06.07.2008 "Zweiter Frühling für Biokraftstoffe" erschienen in der Märkischen Oderzeitung

Schwedt; Die VERBIO AG, Brandenburgs größter Biokraftstoff-Produzent, will weiter investieren. Nach der Verunsicherung der Autofahrer, ob ihre Fahrzeuge höhere Ethanolanteile im Sprit überhaupt vertragen, hofft die Branche auf einen zweiten Frühling für Biokraftstoffe - wegen der steigenden Benzinpreise.

Die VERBIO Ethanol Schwedt hat nach einem achtmonatigem Produktionsstillstand und der Verunsicherung der Autofahrer über die Verträglichkeit von E10, Benzin mit zehnprozentigem Bio-Ethanol-Anteil, neue Investitionen angekündigt. Claus Sauter, Vorstandsvorsitzender der VERBIO Vereinigte BioEnergie AG erklärte am Donnerstag: "Wir werden bis Ende 2009 eine der größten Biogasanlagen errichten und damit die Wertschöpfung und Nachhaltigkeit der Biokraftstoff-Produktion weiter erhöhen. Dafür investieren wir weitere 70 Millionen Euro."

Die Biogasanlage soll die 80 Millionen Euro teure Bioethanol-Anlage komplettieren. Die bei der Produktion von Ethanol anfallende Schlempe soll dann nicht mehr pur auf die Felder ausgebracht werden, sondern in riesigen Fermentern zu Biogas vergären. Das Methan soll anschließend auf Erdgas-Qualität verdichtet und ins Erdgasnetz eingespeist werden.

Die Biogas-Anlage soll eine Leistung von 40 Megawatt Heizwertäquivalent besitzen. Das stellt sogar Deutschlands bisher größte Anlage von 20 Megawatt in Mecklenburg-Vorpommern deutlich in den Schatten. VERBIO würde die Effizienz seines Schwedter Werkes deutlich erhöhen und eine noch größere CO2-Reduzierung ermöglichen.

"Bioethanol ist um 20 Prozent preiswerter und kann einen großen Beitrag zur Senkung des CO2-Ausstoßes leisten", ist Georg Wagner-Lohse vom Kompetenznetzwerk Mineralölwirtschaft/Biokraftstoffe überzeugt. Er will sich mit seinen Mitstreiten dafür einsetzen, dass Bioethanol in Form von E85 künftig auch in Schwedt getankt werden kann. "Der zweite Frühling für Biokraftstoffe kommt. Die steigenden Spritpreise werden die Menschen einfach zu den günstigeren Produkten greifen lassen." Mit E85 ließen sich derzeit 22 Prozent des Spritpreises sparen. Auch die höhere Zumischung von Ethanol zum Sprit sei nur eine Frage der Zeit. Die Verpflichtung der Mineralölwirtschaft zur Senkung des CO2-Ausstoßes sei anders gar nicht zu erreichen.

Momentan aber fährt das Werk nicht wie geplant mit Roggen. Nach dem Anzug der Getreidepreise musste das Werk deutlich billigeren Zucker als Rohstoff einkaufen und konnte damit die Produktion im Mai wieder aufnehmen. "Das ist aus Nachhaltigkeitssicht katastrophal, aber so lange die Politik Nachhaltigkeit nur fordert, aber nichts für ihre Förderung unternimmt, sind wir gezwungen, so zu reagieren", erklärt Sauter. Der Vorstandschef hat dabei die Nachhaltigkeitsverordnung im Blick, die von Bund und EU wegen der aktuellen Debatte um die Regenwaldabholzung zur Biogaserzeugung momentan auf Eis gelegt ist. "Damit haben die Produzenten in Deutschland aber gar nichts zu tun. Wir sind zu unrecht in Misskredit gebracht worden. Die Biokraftstoffproduktion beansprucht derzeit eine Landwirtschaftsfläche von 1,6 Prozent. Das sorgt weder für echte Nahrungsmittelkonkurrenz noch für den Preisanstieg", so Sauter.

Er wünscht sich auch von der Union eine so klare Position wie die der SPD für die Beibehaltung der Beimischungsquote und die Förderung der Nachhaltigkeit. Dann ist ihm auch um die Rentabilität des Schwedter Werkes nicht bange. "Früher oder später wird Bio-Kraftstoff groß rauskommen. Die Frage ist nur, wann später ist, und ob wir so lange durchhalten."

Nach eigenen Angaben schreibt VERBIO Ethanol Schwedt derzeit eine schwarze Null, Zucker als Rohstoff sei bis Jahresende gesichert.

Bioethalol ist ein durch Vergärung von Biomasse wie Roggen, Rüben oder Holz gewonnener Alkohol. Er kann alternativ oder als Zusatz zu Benzin als Kraftstoff eingesetzt werden. Mit dem Kraftstoff E85 gibt es ihn als Benzinersatz mit einem Anteil von 85 Prozent Bioethanol. E85 gilt derzeit aber nur für speziell darauf ausgelegte Fahrzeuge als geeignet. Solche FFV-Modelle werden derzeit von Ford, Volvo, Saab, VW und Renault angeboten. E85 kostet weniger als ein Euro pro Liter, der Verbrauch ist aber 30 Prozent höher als bei Benzin. E85-Tankstellen gibt es erst vier in Brandenburg.

Bereits heute tankt so gut wie jeder Benziner Bioethanol, weil dem Sprit rund zwei Prozent Ethanol beigemischt werden. Der Anteil soll stufenweise angehoben werden.

Von Michael Dietrich, Märkische Oderzeitung, Sonntag, 06. Juli 2008

 

 

 

Sonntag, 06. Juli 2008 (08:48)