Ulrike Kurze
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01.09.2012 | Corporate Themen

Aus Stroh wurde Kraftstoffgas

"Erdgas ist der mit Abstand günstigste Kraftstoff"


tankstelle: Verbio baute zwei neue Anlagen, in denen Stroh zu Biogas vergoren wird. Warum gerade jetzt und dort?

Claus Sauter: Wir unterhalten zwei Ethanol-Anlagen in Zörbig und Schwedt. Unsere Idee war, aus Reststoffen der Ethanol-Herstellung Biogas herzustellen. Daher errichteten wir dort 2009 Versuchsanlagen für die Biogas-Produktion. Professionelle Landwirtschaft wurde in unmittelbarem Umfeld betrieben, der Rohstoff Stroh und eine intakte Infrastruktur waren vorhanden.

tankstelle: Die entwickelte Technologie ist bisher weltweit einmalig. Durch welche List gelang Ihnen das?

Claus Sauter: Bereits 2006 leisteten wir umfangreiche Forschungsarbeit, um aus Reststoffen Gas zu produzieren. Einer der Nebeneffekte war, dass aus in Getreidestroh enthaltener Zellulose Energie gewonnen werden kann. Das Biogas, das aus der Anlage kommt, wird gereinigt, aufkonditioniert und ins Erdgasnetz eingespeist. Dann spricht man von Biomethan, ein Kraftstoff der 2. Generation. Grundsätzlich kann das jeder. Nur die Gas-Ausbeute pro Tonne eingesetzter Rohstoffe war in der Vergangenheit zu gering.

tankstelle: Wie sehen Sie Ihren neuen Biokraftstoff im gesamten Kraftstoffmarkt?

Claus Sauter: Biomethan hat die gleiche Molekülstruktur wie Erdgas. Jedes Erdgas-Fahrzeug kann daher Biomethan tanken. 20 bis 25 Prozent des deutschen Erdgastankstellennetzes haben wir bereits völlig geräuschlos umgestellt. Eine Situation wie mit E10 wird es mit Biomethan nicht geben. Wir sehen interessante Entwicklungen in Holland, England und den USA, wo der Anteil Erdgas als Kraftstoff zunimmt. Das wird auch in Deutschland so kommen.

tankstelle: Noch fahren in Deutschland vergleichsweise wenige Gas-Fahrzeuge. War und ist es nicht gewagt, dennoch in diese Technologien zu investieren?

Claus Sauter: Nein. Das Gas als Kraftstoff ist einfach zu billig, der Diesel zu teuer. Gegenüber normalem Dieselkraftstoff können rund zwei Drittel gespart werden. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sich Gas als Kraftstoff durchsetzt.

tankstelle: Wie viel spart ein Gas-Fahrzeug an Kraftstoffkosten, wenn es rund 15.000 Kilometer im Jahr unterwegs ist?

Claus Sauter: Heute kostet das Gas an Tankstellen 30 bis 40 Prozent weniger. Dadurch kann mit einem Erdgas-Fahrzeug richtig Geld gespart werden. Und Erdgas an der Tankstelle hat das Potential, künftig noch günstiger zu werden. 15.000 Kilometer sind die Grenze, bei 30.000 km gibt es nichts mehr zu überlegen. Erdgas ist dann in jedem Fall ökonomischer und auch ökologischer.

tankstelle: Sie sagen, dass mehr Gas auf den Straßen gebraucht wird. Warum sind Automobilhersteller dennoch zurückhaltend?

Claus Sauter: Die Automobilhersteller arbeiten schon daran. Es wird nur nicht kommuniziert. Wir haben in den letzten Jahren viele attraktive Pkw-Modelle hinzubekommen. Der LKW-Bereich ist es, wo es klemmt, jeder Lkw-Hersteller arbeitet jedoch längst daran. Das muss er auch, wenn er wettbewerbsfähig bleiben will. Das Problem ist nur, dass sie zig Milliarden investiert haben, um die Technik der Dieselmotoren für die neue Euro 6-Norm fit zu machen. Das Umdenken begann, als 2008/2009 umfangreiche Mengen Schiefergas in den USA gefunden wurden. Das heißt, es sind zwei Dinge ganz entscheidend:

  1. Erdgas hat sich entkoppelt von der Entwicklung der Mineralölpreise. Das Erdgas ist eher billiger, während der Diesel immer teurer geworden ist.
  2. Lkw-Hersteller haben sich auf die Entwicklung der Technik konzentriert und Milliarden investiert, um Verbräuche zu senken. Das ist eine schwierige Situation, da sie die Investitionen für den Diesel wieder einspielen müssen. Auf der anderen Seite kommt ein Kraftstoff, der nicht berücksichtigt wurde.

tankstelle: Derzeit werden Akzente im Bereich Elektromobilität gesetzt. Sehen Sie hier nicht die Gefahr, dass der Stellenwert von Gas-Fahrzeugen eher sinkt statt zunimmt?

Claus Sauter: Der neue Umweltminister hat inzwischen klar kommuniziert, dass viele Ziele der Energiewende nicht erreichbar sein werden. Auch nicht die Vision, eine Million Elektrofahrzeuge bis 2020 auf die Straße zu bekommen sind. E-Mobilität hat dennoch ihre Daseinsberechtigung im innerstädtischen Bereich und in der Individualmobilität. Hier wird es revolutionäre Veränderungen geben. Für E-Mobilität im Schwerlastsegment ist überhaupt keine Lösung in Sicht. Daher glauben wir, dass hier auch in Zukunft der Verbrennungsmotor unersetzlich sein wird. Wir müssen nur sehen, welcher Kraftstoff zum Einsatz kommt.

tankstelle: Sie werben für den Einsatz von Biomethan im Schwerlastverkehr. Welche Perspektiven sehen Sie hier?

Claus Sauter: Wir sind dabei, unsere eigene Lkw-Flotte umzustellen. Die bisherige Abgastechnologie ist total veraltet – die Motore haben hohe Verbräuche und die Wirkungsgrade sind auf dem technologischen Stand der 70er Jahre. Wir haben die technologischen Entwicklungen aus den USA und England genutzt und elektronische Zusatzmodule in bisher zehn ‚normale‘ Lkw eingebaut. So sind wir in der Lage, im Dual-Fuel-Betrieb zu fahren. Dabei fährt man immer kombiniert mit beiden Kraftstoffen. Die elektronisch gesteuerte Zumischung von Erdgas beträgt 40 bis 50 Prozent. Der Vorteil ist, dass rund 20 Prozent Kosten eingespart werden können.

tankstelle: Welche Voraussetzungen muss eine Tankstelle erfüllen, um Erd- und Biogas zu verkaufen?

Claus Sauter: Das ist eine ganz schwierige Frage. Den meisten Tankstellen fehlen sie. In jedem Fall wird eine Erdgasleitung zur Tankstelle benötigt. Ich glaube, es sind viele Fehler gemacht und oftmals die Anlagen falsch ausgelegt worden.

tankstelle: Welche Empfehlungen geben Sie Tankstellen, die ihr Kraftstoffangebot erweitern wollen?

Claus Sauter: Mit dem Thema auseinandersetzen. Es sind zunächst noch regulative Veränderungen notwendig. Ein Beispiel: Der Transport von Erdgas aus Sibirien an die Leipziger Stadtgrenze kostet pro Kilowattstunde 2,5 Cent, von dort bis an die Tankstelle drei Cent. Hier ist in die Bundesnetzagentur in der Pflicht. Tankstellenbetreiber sollten derzeit die Entwicklung beobachten und gegebenenfalls mit dem lokalen Stadtversorger sprechen. Und man muss immer darauf achten, dass auch Lkw tanken können. Die Menge macht‘ s auch hier. An Erdgas geht so oder so kein Weg vorbei.

 

Das Interview führte Bernd Fiehöfer



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