Ambitionierter Anstieg der THG-Quote lässt den Bedarf an realen CO₂-Einsparungen deutlich wachsen | Abschaffung der Doppelanrechnung und neue Kontrollmechanismen stärken echten Klimaschutz und fairen Wettbewerb | Bioenergie ist zentraler Baustein für Preisstabilität, regionale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit
Leipzig, 22. Mai 2026 – In der neuen Ausgabe des Podcasts #strohklug ordnen Claus Sauter, Vorstandsvorsitzender der Verbio SE, und Vorstandskollege Stefan Schreiber, der zugleich Präsident des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie e. V. (VDB) ist, den Beschluss zur Umsetzung der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED III in deutsches Recht ein und beleuchten die Marktchancen erneuerbarer Energien im Kontext der veränderten weltpolitischen Lage.
Die Gesprächspartner sprechen über positive Marktsignale für Biokraftstoffe, bessere Kontrollmöglichkeiten gegen Betrug sowie die Bedeutung von Biomethan für Verkehr, Wärme, Industrie und Versorgungssicherheit.
Trendwende für Biokraftstoffe
Beide Bioenergieexperten bewerten den Beschluss als überfällige Reaktion auf die Marktverzerrungen der vergangenen Jahre. Zugleich sehen sie darin ein wichtiges Signal: Nach Jahren politischer Zurückhaltung werden erneuerbare Kraftstoffe aus Biomasse wieder als Teil der Lösung für Klimaschutz, Energiesicherheit und stabile Preise wahrgenommen.
- „RED III ist eine 180-Grad-Wende. Biomasse ist wieder eine klar von der Politik definierte Erfüllungsoption.“ (Claus Sauter)
- „Für Deutschland ist der Beschluss ein großer Schritt zu mehr Klimaschutz im Verkehr – ein Sektor, der sich nur schwer defossilisieren lässt.“ (Stefan Schreiber)
Ambitionierte THG-Quote setzt neue Marktsignale
Stefan Schreiber hebt vor allem den ambitionierten schrittweisen Anstieg der Treibhausgasminderungsquote (THG-Quote) bis 2040 hervor (1). Gleichzeitig fällt die Doppelanrechnung fortschrittlicher Biokraftstoffe rückwirkend zum 1. Januar 2026 weg. Dadurch entstehen künftig weniger rechnerische Effekte zur CO2-Einsparung und eine höhere tatsächliche Nachfrage nach erneuerbaren Molekülen.
- „Wir reden jetzt nicht mehr über auf dem Papier erzeugte CO2-Einsparungen, sondern über reale Einsparungen. Das heißt, die Abschaffung der Doppelanrechnung führt zu einer höheren Nachfrage nach physischen Molekülen, die wir in unseren Werken herstellen.“ (Stefan Schreiber)
Durch die Umsetzung der RED III erhöht sich zwischen 2027 und 2030 die Nachfrage nach CO2-Einsparung um 15 Mio. t CO2. (2) Aufgrund der Fortschreibung der THG-Quote bis 2040 wird außerdem eine langfristige Perspektive geschaffen: Bis einschließlich 2040 müssen 928 Mio. t CO2-Einsparung erbracht werden.
Bessere Betrugsprävention – Vertrauensschutzregelung noch offen
Ein zentrales Thema der Podcast-Folge ist die Betrugsbekämpfung im Biokraftstoffmarkt. Sauter begrüßt, dass mit der Abschaffung der Doppelanrechnung ein wesentlicher ökonomischer Fehlanreiz entfällt. Die neuen Befugnisse zu Auskunftspflicht und weltweiten Vor-Ort-Kontrollen durch staatliche Akteure stellen ebenso ein wichtiges Instrument zur Betrugsbekämpfung dar.
Mit dem Ausschluss von Palmölderivaten (3) wird zudem eine weitere Schwachstelle im System behoben: Künftig sollen Biokraftstoffe aus Reststoffen aus der Palmölverarbeitung nicht mehr auf die THG-Quote angerechnet werden können, da gerade hier Kontrolle und Nachweisführung besonders schwierig sind und dies Missbrauch begünstigt.
Aus Sicht beider Gesprächspartner ist die Änderung der Vertrauensschutzregelung ein entscheidender Punkt, der noch zu beschließen ist. (4)
- „Wenn Betrug nachgewiesen wird, muss man den daraus erzielten Erlös auch wieder entziehen können – etwa durch eine rückwirkende Aberkennung von Zertifikaten in einem bestimmten Zeitraum. Diese Regelung muss noch kommen.“ (Stefan Schreiber)
Comeback der Biokraftstoffe der ersten Generation
Schreiber bewertet die Anhebung der Kappungsgrenze für Biokraftstoffe aus Anbaubiomasse als „Paradigmenwechsel“ (5). Das sei auch für die Landwirtschaft wichtig, die zusätzliche Absatzmärkte benötige. Mengen und Qualitäten, die im Nahrungs- und Futtermittelbereich keinen Absatz finden, können in die Bioenergie gehen. Das stärke landwirtschaftliche Betriebe und könne zur Stabilisierung von Lebensmittelpreisen beitragen. Damit erhält auch die erste Generation von Biokraftstoffen wieder eine stärkere Rolle im Kontext des deutschen Klimaschutzinstrumentariums, der Resilienz und der Bioökonomie.
- „Seit 15 Jahren kämpfen wir darum, dass die Kappungsgrenze nicht abgesenkt wird. Und jetzt wird sie schrittweise angehoben, was gerechtfertigt ist. Die Tank-Teller-Diskussion ist obsolet. Weltweit. Das ist ein Paradigmenwechsel, denn endlich wird der Hauptfrucht der Bauern wieder eine angemessene Bedeutung beigemessen.“ (Stefan Schreiber)
BioLNG als Preisstabilisator im Schwerlastverkehr
Sauter stellt im Podcast heraus, dass Biokraftstoffe auch wirtschaftliche Vorteile bieten. Gerade in Zeiten geopolitischer Krisen und schwankender fossiler Energiepreise könnten sie preisstabilisierend wirken.
- „Unser Biodiesel ist billiger als Diesel. Unser BioLNG kostet ein Drittel des Diesels. Wir haben unsere Preise stabil gehalten.“ (Claus Sauter)
- „Ein Kilogramm BioLNG an der Tankstelle hat 30 Prozent mehr Energie als Diesel und kostet unter einem Euro.“ (Claus Sauter)
- „Die nächste Energiekrise ist absehbar. Ich glaube, der Iran ist selbst überrascht, welche Macht er allein durch die Kontrolle der Straße von Hormus hat. Dort wurde die Büchse der Pandora geöffnet. Wir sehen, wie sensibel die fossile Welt ist.“ (Claus Sauter)
In Deutschland gibt es rund 200 LNG-Tankstellen, davon werden 43 von Verbio und seinen Partnern betrieben. Die Infrastruktur wurde privatwirtschaftlich aufgebaut und funktioniert ohne Subventionen. Verbio selbst betreibt eine Flotte von rund 170 LKW, die ausschließlich mit BioLNG oder BioCNG fahren.
Biomethan wird zum „Rückgrat“ einer eigenständigen Energieversorgung
Über den Verkehrsbereich hinaus sehen die Gesprächspartner Biomethan als wichtigen Baustein im Energiesystem. Erneuerbarer Strom bleibt zwar zentral, reicht aber allein nicht aus.
- „Die Biokraftstoffbranche ist das Notstromaggregat im Krisenfall für die Versorgungssicherheit. Und übrigens auch im Verteidigungsfall. Panzer fahren nicht mit Strom.“ (Claus Sauter)
- „Wir können genügend Biomethan erzeugen. Wir liegen heute bei etwa 13 TWh, das Potenzial liegt jedoch zwischen 300 und 400 TWh. Wir reden über 3.000 Prozent Zuwachs.“ (Stefan Schreiber)
Biomethan könne als Ersatz für fossiles Erdgas im Verkehrsbereich, im Wärmemarkt und in industriellen Prozessen eingesetzt werden.
Gerade im Wärmemarkt sieht Stefan Schreiber großes Potenzial. Voraussetzung dafür sind jedoch verlässliche politische Rahmenbedingungen, eine Grüngasquote und ein gesicherter Zugang zu den Gasnetzen. Deutschland dürfe die Gasinfrastruktur nicht vorschnell abschreiben, sondern müsse sie schrittweise auf erneuerbare Gase ausrichten.
- „Die Politik sollte schnell zu einer kohärenten Lösung kommen. Es gibt sonst keine andere Alternative, um molekulare Versorgungssicherheit in jedweder Energieform zu erreichen. Biomethan ist hier das Multitalent – deshalb sollte man auch auf politischer Ebene konsequent sein.“ (Stefan Schreiber)
Verbio sieht erste positive Effekte
Zum Abschluss der Folge ordnet Claus Sauter die Entwicklung von Verbio im aktuellen Marktumfeld ein.
- „Verbio ist wieder zurück im Spiel und zurück auf der Profitabilitätsstraße.“ (Claus Sauter)
Die Mitte Mai veröffentlichten Quartalszahlen belegen erste positive Effekte: eine deutliche Umsatz- und Ergebnisverbesserung, neue Produktionsrekorde, eine starke Ergebnisprognose im positiven dreistelligen Millionenbereich zum Geschäftsjahresende sowie gute Perspektiven in Nordamerika. Auch der Einstieg in die Herstellung biobasierter Chemikalien bleibt ein wichtiger Zukunftspfad.
Die neue Ausgabe des Podcasts #strohklug mit dem Bioenergieexperten Claus Sauter ist ab sofort bei Apple Podcasts, Deezer, Spotify und im Web auf www.strohklug.de zu finden.
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(1) Die THG-Quote liegt derzeit bei 12 Prozent, steigt 2027 auf 17,5 Prozent, 2030 auf 26,5 Prozent und bis 2040 auf 65 Prozent.
(2) Nach Verbio-Berechnung
(3) Palmöl selbst ist bereits ausgeschlossen.
(4) Der Vertrauensschutz ist in der Biokraftstoffnachhaltigkeitsverordnung geregelt und soll erst zum 1. Januar 2027 angepasst werden.
(5) Die Kappungsgrenze der Anbaubiomasse soll schrittweise bis 2032 auf 5,8 Prozent steigen.